Ing. Lucie Humeni
UNTERSCHÄTZTE SELENÜBERVERSORGUNG
Während sich die Aufmerksamkeit in der Vergangenheit vor allem auf einen Selenmangel konzentrierte, zeigt die heutige Praxis zunehmend das entgegengesetzte Problem – eine Überversorgung mit Selen.
Ursache ist häufig die Kombination mehrerer Selenquellen. Das Pferd erhält ein Mineralfutter, ein Vitamin-Mineralstoffpräparat, ein Kraftfutter mit Vormischung und möglicherweise weitere Produkte für Muskulatur oder Hufe. Dabei wird von den Besitzern häufig nicht die gesamte aufgenommene Selenmenge berücksichtigt.
Eine chronische Selenintoxikation äußert sich bei Pferden vor allem durch:
Bei einer akuten Intoxikation können neurologische Symptome, Koliken, Durchfall oder Atemstörungen auftreten. Pferde reagieren generell empfindlicher auf eine Selenüberversorgung als beispielsweise Rinder. Außerdem ist der Abstand zwischen der empfohlenen und einer potenziell toxischen Dosis bei Selen geringer als bei vielen anderen Mineralstoffen. Aus diesem Grund kann nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass „mehr besser ist“.
Was ist gefährlicher – ein Selenmangel oder eine Überversorgung?
Beide Situationen stellen ein gesundheitliches Problem dar, hinsichtlich des akuten Risikos ist eine Selenüberversorgung jedoch häufig gefährlicher. Der Organismus des Pferdes kann einen leichten Mangel über einen gewissen Zeitraum ausgleichen, insbesondere wenn keine hohe körperliche Belastung vorliegt. Ein chronischer Mangel führt jedoch allmählich zu Beeinträchtigungen des Muskelstoffwechsels, des Immunsystems und der allgemeinen Vitalität.
Eine Intoxikation kann dagegen relativ schnell Gewebe schädigen, und einige Veränderungen, beispielsweise Schäden am Hufhorn, können langfristige Folgen haben. In der Praxis ist es daher wichtig, beide Extreme zu vermeiden.
Der zuverlässigste Ansatz besteht nicht in der vorsorglichen Gabe hoher Dosen, sondern in der Kenntnis der tatsächlichen Selenaufnahme aus der gesamten Ration.
Warum enthalten manche Regionen Europas mehr Selen und andere weniger?
Der Selengehalt von Futtermitteln hängt eng mit den geologischen und klimatischen Bedingungen der jeweiligen Region zusammen. Pflanzen nehmen Selen aus dem Boden auf. Ist der Boden arm an diesem Element, findet sich der niedrige Gehalt anschließend auch in Heu, Weidefutter oder Getreide wieder.
Europäische Studien bestätigen seit Langem deutliche Unterschiede zwischen küstennahen Regionen und dem Binnenland. Höhere Selengehalte werden beispielsweise in Ländern in Meeresnähe wie den Niederlanden oder Dänemark festgestellt. Mitteleuropa, einschließlich der Tschechischen Republik, Österreichs und einiger Regionen Deutschlands, gehört dagegen traditionell zu den Gebieten mit niedrigeren Selengehalten im Boden.
Eine mögliche Erklärung ist der Kreislauf von Selen zwischen dem Meer und der Atmosphäre. Ein Teil des Selens gelangt aus der Meeresumwelt in die Atmosphäre und wird anschließend über Niederschläge wieder in den Boden eingetragen. Küstenregionen können dadurch natürlicherweise eine höhere Selenablagerung aufweisen. Eine wichtige Rolle spielen jedoch auch die Art des Ausgangsgesteins, der pH-Wert des Bodens, der Gehalt an organischer Substanz und die Fähigkeit der Pflanzen, Selen aufzunehmen.
Ein niedriger Selengehalt kommt insbesondere in sauren Böden und Regionen mit hohen Niederschlagsmengen vor, in denen Selen ausgewaschen werden kann. Für die Tschechische Republik ist außerdem relevant, dass ein großer Teil der Böden auf geologischem Ausgangsmaterial mit niedrigem Selengehalt entstanden ist.
Dies erklärt auch, warum Heu oder Weidefutter selbst innerhalb verschiedener Regionen sehr unterschiedliche Gehalte dieses Elements aufweisen können.
Ist die Tschechische Republik noch immer ein Selenmangelgebiet?
Noch vor einigen Jahren wurde in Fachkreisen häufig angegeben, dass die Tschechische Republik zu den Selenmangelgebieten gehört. Untersuchungen bestätigten tatsächlich niedrige Selengehalte sowohl im Boden als auch in Raufuttermitteln. Studien zum Transfer von Selen im System Boden–Pflanze–Futter bei Pferden in der Tschechischen Republik zeigten niedrige Selenkonzentrationen im Boden und in Futtermittelpflanzen. Raufutter allein wäre daher häufig nicht in der Lage, den Bedarf der Pferde vollständig zu decken.
Gleichzeitig zeigt die moderne Praxis ein etwas anderes Bild als noch vor zwanzig Jahren. Die meisten Sport- und Freizeitpferde erhalten heute regelmäßig Mineralfutter, kommerzielle Müslimischungen oder pelletierte Futtermittel mit zugesetztem Selen. Dadurch tritt ein flächendeckender Selenmangel heute vermutlich seltener auf als früher.
Europäische Studien zur Bewertung der Selenkonzentration im Blut von Pferden bestätigen, dass der tatsächliche Selenstatus stark von der Fütterung beeinflusst wird. Auch in Regionen mit niedrigem Selengehalt im Boden können Pferde durch eine ergänzende Versorgung ausreichende Selenwerte erreichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Problem verschwunden ist. Vielmehr hat sich sein Charakter verändert.
Bei Pferden, die ausschließlich mit Heu und Getreide aus eigener Produktion ohne Mineralstoffergänzung gefüttert werden, kann ein Selenmangel weiterhin ein reales Risiko darstellen. Bei Pferden, die gleichzeitig mehrere Ergänzungsfuttermittel erhalten, tritt dagegen zunehmend das entgegengesetzte Problem auf – eine überhöhte Selenaufnahme.
Deshalb reicht heute die allgemeine Aussage „In der Tschechischen Republik gibt es wenig Selen“ nicht aus. Entscheidend sind die konkrete Ration, die Herkunft des Raufutters und der tatsächliche Selengehalt aller verwendeten Futtermittel und Ergänzungsprodukte.
Eine Laboranalyse ist aussagekräftiger als eine Schätzung
Bei Verdacht auf einen Selenmangel oder eine Überversorgung liefern Laboruntersuchungen die zuverlässigsten Informationen. In der Praxis werden die Selenkonzentration im Vollblut oder Serum sowie gegebenenfalls die Aktivität der Glutathionperoxidase bestimmt.
Eine regelmäßige Kontrolle kann insbesondere bei Sportpferden, Zuchtstuten, Fohlen oder bei langfristig bestehenden Muskelproblemen sinnvoll sein.
Fazit
Die Tschechische Republik gehört weiterhin zu den Regionen mit vergleichsweise niedrigem Selengehalt im Boden. Durch die heutigen Kenntnisse über Pferdeernährung und Fütterung tritt ein Selenmangel jedoch nicht mehr so häufig auf wie früher. Gleichzeitig zeigt die heutige Praxis, dass neben einem Mangel auch das Risiko einer übermäßigen Supplementierung berücksichtigt werden muss. Eine ausgewogene Versorgung, eine regelmäßige Bewertung der gesamten Ration und gegebenenfalls eine labordiagnostische Kontrolle sind bei Selen wichtiger als die vorsorgliche Gabe hoher Dosen.
Quellen
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