ENERGYS

SELEN – ZWISCHEN NOTWENDIGKEIT UND RISIKO,    TEIL I

Ing. lucie Humeni

Selen gehört zu den Mineralstoffen und Spurenelementen, die der Organismus des Pferdes nur in sehr kleinen Mengen benötigt. Dennoch beeinflusst es zahlreiche Stoffwechselprozesse maßgeblich. Im Organismus ist Selen vor allem Bestandteil von Selenoproteinen und Enzymen mit antioxidativer Funktion, insbesondere der Glutathionperoxidase. Diese schützt die Zellmembranen vor Schäden durch freie Radikale, die sowohl beim normalen Stoffwechsel als auch bei körperlicher Belastung entstehen. Die Bedeutung von Selen beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Schutz des Muskelgewebes. Es ist auch an der normalen Funktion der Schilddrüse, des Immunsystems, der Fortpflanzung und des Stoffwechsels beteiligt.

Gerade bei Selen zeigt sich sehr deutlich, wie schmal die Grenze zwischen einer optimalen Versorgung und einem gesundheitlichen Problem sein kann. Ein Mangel kann zu Muskelstörungen und einer geschwächten körperlichen Verfassung führen, während eine Überversorgung ein toxisches Risiko darstellt. In der Praxis geht es daher nicht nur um die Frage „Wie viel Selen sollte zusätzlich gegeben werden?“, sondern vor allem darum, die Gesamtaufnahme aus Raufutter, Kraftfutter und Mineralstoffergänzungen zu kennen.

Wie viel Selen benötigt ein Pferd tatsächlich?

Nach den Empfehlungen des NRC (National Research Council) liegt der tägliche Selenbedarf eines erwachsenen Pferdes mit einem Körpergewicht von 500 kg bei Erhaltungsbedarf und leichter Arbeit bei etwa 1 mg Selen pro Tag. Eine höhere körperliche Belastung bedeutet nicht automatisch eine drastische Erhöhung des Bedarfs. Zwar produziert der Organismus bei intensiver Arbeit mehr freie Radikale, gleichzeitig spielen jedoch auch eine ausreichende Versorgung mit Vitamin E, die Qualität der Grundration und der allgemeine Gesundheitszustand eine wichtige Rolle.

Eine Erhöhung der Selenzufuhr kann insbesondere dann in Betracht gezogen werden, wenn:

  • die Ration überwiegend aus Raufutter aus Regionen mit niedrigem Selengehalt im Boden besteht,
  • überwiegend selbst erzeugtes Heu ohne regelmäßige Futtermittelanalysen verwendet wird,
  • es sich um intensiv trainierende Sportpferde handelt,
  • sich Stuten im letzten Drittel der Trächtigkeit oder in der Laktation befinden,
  • das Pferd muskuläre Symptome wie Bewegungsunwilligkeit nach der Arbeit, Muskelkater oder Steifheit zeigt,
  • eine Laboruntersuchung des Blutes einen niedrigen Selenstatus und erhöhte Muskelenzyme (CK, AST) bestätigt.

Auch in diesen Fällen sollte eine Supplementierung jedoch nicht „nach Gefühl“ erfolgen. Selen gehört zu den Spurenelementen mit einem relativ engen Sicherheitsbereich, und eine langfristig hohe Aufnahme kann für Pferde sehr gefährlich sein.

Als obere sichere Grenze wird bei einem Pferd mit 500 kg häufig eine Gesamtaufnahme von etwa 3 mg pro Tag angesehen. Die toxische Dosis hängt jedoch auch von der chemischen Form des Selens, der Dauer der Verabreichung und der individuellen Empfindlichkeit des Tieres ab.

Was geschieht bei einem Selenmangel?

Die klinischen Anzeichen eines Selenmangels stehen häufig in engem Zusammenhang mit dem Stoffwechsel des Muskelgewebes und dem antioxidativen Schutz des Organismus. Die bekannteste Erkrankung ist die nutritive Myodegeneration, auch als „White Muscle Disease“ bezeichnet. Sie tritt am häufigsten bei Fohlen auf, kann jedoch auch bei erwachsenen Pferden vorkommen.

Typische Anzeichen sind:

  • Muskelschwäche,
  • Steifheit,
  • Bewegungsunwilligkeit,
  • verzögerte Regeneration nach körperlicher Belastung,
  • Muskelkater bzw. Muskelschmerzen,
  • verminderte Leistungsfähigkeit,
  • Störungen des Immunsystems,
  • Fortpflanzungsprobleme.

Bei Fohlen kann ein schwerer Mangel sogar zu einer Schädigung der Herz- oder Atemmuskulatur führen. Ein Selenmangel tritt häufig gemeinsam mit einer unzureichenden Vitamin-E-Versorgung auf, da beide Antioxidantien funktionell eng miteinander verbunden sind.

In der täglichen Praxis kann sich ein subklinischer Mangel sehr unauffällig zeigen. Das Pferd ist weniger arbeitswillig, regeneriert sich schlechter oder es treten wiederholt Muskelprobleme ohne offensichtliche Ursache auf. Gerade deshalb können Laboruntersuchungen des Blutes und gegebenenfalls die Bestimmung der Glutathionperoxidase-Aktivität sinnvoll sein.

Quellen

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